Lisa Kränzler: "Ich bin die Braut der Kunst"

20.07.2018 | Die Malerin und Schriftstellerin Lisa Kränzler aus Oberschwaben war zu Gast bei "Heimspiel - Medienmacher 2018" in Ravensburg.

 

Lisa Kränzler (links) war Gast beim "Heimspiel 2018" in Ravensburg.

"Unglaublich, was Sie in wenigen Jahren schon erreicht haben", begrüßte Erster Bürgermeister Simon Blümcke den Gast des fünften "Heimspiels" 2018 im Museum Humpis-Quartier, Lisa Kränzler. Die 34-Jährige ist in Ravensburg geboren, hat am Gymnasium in Weingarten das Abitur gemacht und ist in Baindt aufgewachsen. Derzeit lebt die Künstlerin und Autorin in Hamburg. Ihr Debütroman "Export A" und ihr Roman "Nachhinein" bescherten ihr öffentliche Aufmerksamkeit und mehrere Literaturpreise. Ulf Nürnberger von UN.Media hat die Künstlerin bei der Veranstaltungsreihe von der Initiative Ravensburg und UN.Media, die erfolgreiche Akteure der Medien- und Kreativbranche mit Bindung zu Ravensburg vorstellt, interviewt.

Authentisch und provokativ, streitbar und widersprüchlich – so wirkt Lisa Kränzler schon nach ihren ersten Sätzen auf dem Podium des Museums Humpis-Quartier. Als "schreibender Maler" bezeichnet sich die schmale und doch kraftvolle Frau aus Oberschwaben, die nichts von gendergerechten Sprachformen hält.

Sie nimmt manches in Kauf, um als Künstlerin arbeiten zu können – nicht zuletzt einen stets klammen Geldbeutel. Ihr Atelier in Hamburg beschreibt sie als "feuchtes Kellerloch", in dem sie anfangs noch geschlafen habe. Mittlerweile hält sie es wie Udo Lindenberg, ist in ein Hotel umgezogen und lebt von ihren Ersparnissen. "Ich mache die Kunst für die Kunst", sagt die junge Frau, die keine Klischees bedienen und sich in keine Schublade pressen lassen will. "Ich mache, was ich machen muss", meint sie. Bereits im Kindergarten fühlte sie sich zur Malerei hingezogen und war "heiß auf die Wachsmalstifte im Zeichensaal".

"Ich bin die Braut der Kunst", fasst sie zusammen. Für Vernissagen, "Geschwätz" oder Beziehungen bleibe ihr keine Zeit. Auch nicht für Soziale Medien oder Freunde aus der Heimat. Sie lebe zurückgezogen in der Stille, erzählt sie dem Publikum und verbringe lange Tage im Atelier, wo sie mit Pinsel und Autloack auf Papier arbeitet. Vor ihrem Gang ins Atelier macht sie Krafttraining, "um den Druck abzubauen", der für sie und ihre Umwelt anstrengend sei.

Im Innenhof des Museums Humpis-Quartier rollt sie eine Kostprobe ihrer Werke aus: Sie wolle das Schweigen der Malerei durch Schrift brechen, sagt sie in Anspielung auf ihr Diptychon, das neben gemaltem Text eine geschändete Frau zeigt und den Titel "Featuring Max Beckmann" trägt. Auf einen achtsamen Umgang mit ihren Werken legt die junge Künstlerin keinen Wert. Schließlich sei Kunst ebenso verletzbar wie das Leben.

Neben der Malerei ist es das Schreiben, das sie nicht mehr loslässt. Mit ihren ersten Romanen, "Export A" (2012) und "Nachhinein (2013), hat sie viel öffentliche Aufmerksamkeit und einige Literaturpreise erhalten. Was die Medien über sie geschrieben haben, sieht sie kritisch und häufig nicht zutreffend. Als "Shootingstar der Freiburger Kulturszene" wurde sie schon bezeichnet. "Ich merke nichts davon", sagt die junge Frau missbilligend.

Beim "Heimspiel" rückt sie ihr neues Buch stark in den Fokus ihrer kraftvollen Worte. Erscheinen soll es im Frühjahr 2019 unter dem Titel "Coming of Carlo". Der rund 500 Seiten starke Roman sei ihr Lebenswerk: "Das ist die Summe meiner Existenz, alles was ich bin." Rund sechs Jahre habe sie daran gearbeitet, ihr Leben investiert, dafür gekämpft, Schreibblockaden ausgehalten und teilweise den "Zustand vollkommenen Wahnsinns" erreicht. Geschrieben hat sie es auf einer normalen Schreibmaschine. Sie habe mit einem Skalpell Worte aus dem Papier geschnitten, auf dem Boden ausgebreitet und neu als Bild arrangiert. "Es ist viel mehr als ein Buch geworden." Ihr Wörterarrangement fließt denn auch als Mittelteil mit Bild, Text und Collagen in ihren Roman mit ein.

Mit dem vollbrachten Manuskript, das nun bei ihrem Verlag in Berlin liegt, wurde Lisa Kränzler schnell wieder in die Realität geworfen und mit Themen konfrontiert, die sie eigentlich nicht interessieren: Kosten, Druck und Buchhandel. Geld ist ihr nicht wichtig, obschon sie es immer wieder brauchen könnte – im Museum Humpis-Quartier wirbt sie freimütig um Sponsoren, die ihr eine farbige Prachtausgabe ihres neuen Buches, das aus Kostengründen in schwarz-weiß auf den Markt kommen soll, finanzieren.

Lisa Kränzler wirkt überzeugt und selbstbewusst. Dennoch ist sie nach ihren eigenen Worten häufig unsicher: "Ich habe nie einen festen Standpunkt und habe zu allem fünf Meinungen – das ist eine Frage der Perspektive", meint die Frau mit den kraftvollen Armen. Weil sie sich nicht von Fremdperspektiven beeinflussen lassen will, zeigt sie weder ihre unfertigen Arbeiten noch ihre unfertigen Texte. "Der Verlag bekommt die Sachen erst, wenn sie fertig sind und muss damit leben ", sagt sie unerschrocken.

Heimat - beim "Heimspiel" geht es immer auch um diesen Begriff. Für Lisa Kränzler ist das neben ihrem Verlag in Berlin die Region Oberschwaben – ihr "Stammsitz", wo sich ihr "Stammhirn" ausgebildet habe. Abgespeicherte Bilder, Landschaften, Bäume und Gerüche seien lebenslang prägend.

"Heimat ist für mich extrem wichtig", meint sie. Ihre Heimat in Oberschwaben fließe denn auch in ihre Bücher ein: "Ich schreibe, was ich gesehen, erlebt und geträumt habe, was mit zustößt, was ich als Bildmaterial gespeichert habe." In der Heimat zu arbeiten, das kann sie sich durchaus vorstellen, wenn ihr die Chance geboten würde: Ein Künstlerhaus mit Ateliers in Ravensburg oder Umgebung schwebt ihr vor. Schließlich hat es ihr die Landschaft angetan, die Großstadt brauche sie nicht. 


Etwa einmal im Jahr kommt sie in ihre Heimat, nach Ravensburg. "Danke, dass Sie mich ertragen haben", verabschiedete sich die wortgewandte, selbstbewusste Künstlerin vom Publikum. 


Biographie
Lisa Kränzler ist am 25. Dezember 1983 in Ravensburg geboren, hat ihr Abitur am Gymnasium in Weingarten absolviert. Von 2005 bis 2010 studierte sie Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und fing schon während des Studiums an zu schreiben. Mit ihrem literarischen Debüt "Export A", der 2012 im Verbrecher Verlag erschienen ist, erhielt sie ebenso wie mit ihrem zweiten Roman, "Im Nachhinein" (2013) Literaturpreise, u. a. 2012 den 3sat-Preis, der im Rahmen des Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis wurde. 2014 erschien ihr Roman "Lichtfang". "Nachhinein" stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013 und wurde mit dem Märkischen Stipendium für Literatur 2014 ausgezeichnet. 2014 erhielt sie den Reinhold-Schneider-Förderpreis. Im Jahr 2016 folgte der Kunstpreis der Werner-Stober-Stiftung.

Impressionen "Heimspiel 2018" mit Lisa Kränzler

 
 
 
 
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Fotos: UN.Media

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